Diesen Text habe ich 2022 geschrieben. Inzwischen sind wir noch zweimal umgezogen. Ein Kind hat eine seelische Erkrankung entwickelt, die uns wahrscheinlich noch länger begleiten wird. Aktuell bin ich auf Arbeitssuche. Unsere Lage hat sich über die Jahre trotzdem in manchen Punkten verbessert und beruhigt. Ich möchte euch dies hier nicht vorenthalten, denn ich fühle mich immer noch oft wie Hiob, oder wie der ältere Sohn aus dem Gleichnis des Verlorenen Sohnes. Das im Text genannte Buch habe ich immer noch nicht ganz zu Ende gelesen...
Manch einer, der hier so vorbei schaut, hat meinen Post über "Hiobs Zweifel" gelesen. Ich habe damals geschrieben, dass Hiob mir sympathisch ist, weil er Gott die Brocken hinwirft und verzweifelt, wie Gott sein Leid zulassen kann. Seine Freunde haben die üblichen Erklärungen: Du musst gesündigt haben, deswegen lässt Gott das alles zu. Wenn du genug glaubst, wird es wieder besser. Und überhaupt haben sie viele gute Tipps für Hiob. Aber das Beste, das sie für ihn tun können, ist, eine ganze Weile mit Hiob auszuharren und zu schweigen. Denn es gibt nichts zu sagen.
Damals habe ich geschrieben, dass ich so mit Zweifelnden umgehen möchte. Sie aushalten. Für sie weiterglauben. An ihrer Seite bleiben.
Heute schaue ich auf eine ziemlich lange Zeit des Zweifels und Verzweifelns zurück. Ich kann sagen: es haben nur wenige neben mir ausgehalten und ausgeharrt. Manche haben mich vielleicht sogar gemieden, denn es könnte ja sein, dass meine Zweifel ansteckend sind. Unter Umständen hätte man da seinen eigenen Glauben auch hinterfragen müssen.Und natürlich gab es auch die Besserwisser.
Seit ungefähr drei oder vier Jahren kann ich sagen, dass wir hier eine Hiobsbotschaft nach der anderen bekommen. Sicher, alles nicht lebensbedrohlich. Manchmal sind es vielleicht nur "kleine" Dinge, wie z.B. zwei Meerschweinchen, die überraschend sterben. Oder die Nachricht des Förderstopps für KfW-Häuser, in einer Zeit, als wir gerade bauen wollen. Wenn dann noch ein Krieg mit steigenden Rohstoffpreisen und Inflation dazu kommt, fragt man sich: Wieso JETZT? Wo wir uns endlich durchgerungen haben, hier zu bauen.
Dann stirbt ein sehr naher Verwandter völlig unerwartet.
Kurz darauf wird mein Mann gekündigt, 10 Monate nach dem Umzug.
Das waren so ungefähr die Katastrophen der letzten drei Monate.
Ich fühle mich wirklich wie Hiob. Ich frage mich, was denn nun noch alles passiert und wie tief wir fallen werden. Wobei wir ehrlicherweise nicht so tief fallen. Ich arbeite weiter als Ärztin, und ich habe auch keine Angst, dass es finanziell eng wird. Damit kann ich umgehen.
Trotzdem bin ich an einem Punkt, an dem ich manchmal schon gar nicht mehr erzähle, was bei uns so los ist, weil bei uns eben ständig solche richtig heftigen Dinge passieren, am laufenden Meter.
Obwohl also die Fallhöhe in den letzten Monaten ganz schön zugenommen hat, sind meine Zweifel an Gott ein klein wenig kleiner geworden. Das liegt auch an einem Buch, das ich angefangen habe zu lesen, bin aber noch nicht ganz durch:
"Nimm sein Bild in dein Herz auf" von Henri Nouwen.
Es ist eine geistliche Betrachtung eines Bildes von Rembrandt, dem Bild "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes".
Wikipedia: Die Rückkehr des Sohnes
Herr Nouwen berichtet, wie das Bild ihn verändert hat und welche Erkenntnisse er über mehrere Jahre zu diesem Bild gewonnen hat und wie sich sein Gottesbild und auch sein Selbstbild dadurch verändert hat. Tief bewegt hat mich das Kapitel zum älteren Sohn, der auf dem Bild zusieht, wie sein Vater den Jüngeren in Empfang nimmt. Im Bibeltext vom "Verlorenen Sohn" beschwert sich der Ältere: Er arbeite gehorsam seit langer Zeit auf dem Hof des Vaters, aber noch nie sei ein Mastkalb für ihn geschlachtet worden. In anderen Worten: "Ich war immer brav, und der bekommt die Party!"
Selten liest man von geistlichen Vorbildern, wie sie ihre Schwächen beschreiben. Eigentlich gibt es so etwas gar nicht in der modernen christlichen, vor allem freichristlichen Literatur. Es gibt tausend Bücher im Ratgeber-Stil "So wirst du ein besserer Christ". Aber selten habe ich gelesen, dass ein Autor seine Schwäche preisgibt.
Henri Nouwen beschreibt, wie er selbst eifersüchtig und neidisch auf andere war (und manchmal noch ist), die weniger für Gott getan haben und trotzdem angesehener waren und fröhlicher und einfacher glauben konnten. Er beschreibt, wie er sich von Gott zurück gesetzt fühlte, weil sein Leben nicht so glatt lief wie das anderer Menschen, die vielleicht sogar Gottes Gebote missachtet hatten. Und ich fühle mich so verstanden. Ich fühle genau so. Ich habe mich investiert in Gemeinde, habe versucht, mein Christsein nach bestem Wissen und Gewissen zu leben, habe an wichtigen Wegkreuzungen Gott nach Seiner Führung gefragt und meinte auch, an den wichtigsten Punkten Gottes Richtungsweisungen gefolgt zu sein. Trotzdem erfüllte sich sehr vieles nicht, erwies sich vieles als schwierig und unwegsam. Trotzdem sah ich mich zurückgesetzt und benachteiligt, sah ich meine Träume und Herzenswünsche vorbei ziehen und es schien mir so, dass sich die Zeitfenster und Möglichkeiten verschlossen, in denen ich meinem Leben noch irgendwie eine Richtung geben konnte, die ich, nur ich wollte und wo ich mich nicht den äußeren Zwängen beugen muss (Ehe, Kinder, Familie). Bei Männern heißt das Midlife Crisis und geht oft mit jungen Frauen und Motorrädern einher. Mir meinen eigenen egoistischen Weg suchen wäre also auch eine Möglichkeit für mich, also als "Älterer Sohn" mit Blick auf den Jüngeren, der einfach ein ausschweifendes und egoistisches Leben gelebt hat. Wenn er das kann, warum dann nicht ich? Wahrscheinlich ist die einfache Antwort: Weil ich zu viel Angst vor dem Vater habe: was würde mir passieren, wenn ich so handelte? Weil ich überhaupt zu feige bin, so ein egoistisches Leben zu führen.... Und das sagt in erster Linie etwas über mein Bild vom Vater aus, und über mein Bild von mir selbst.
Henri Nouwen schreibt von zwei Dingen, die den Älteren Söhnen und Töchtern helfen, nicht bitter zu werden und Gott näher zu kommen und mit ihrer Rolle fertig zu werden:
Dankbarkeit und Vertrauen.
Beides nicht meine starken Seiten, wer hätte das gedacht.
Da habe ich jetzt also eine neue Aufgabe.
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