12 November 2022

Hiobs Zweifel die zweite.

 Diesen Text habe ich 2022 geschrieben. Inzwischen sind wir noch zweimal umgezogen. Ein Kind hat eine seelische Erkrankung entwickelt, die uns wahrscheinlich noch länger begleiten wird. Aktuell bin ich auf Arbeitssuche. Unsere Lage hat sich über die Jahre trotzdem in manchen Punkten verbessert und beruhigt. Ich möchte euch dies hier nicht vorenthalten, denn ich fühle mich immer noch oft wie Hiob, oder wie der ältere Sohn aus dem Gleichnis des Verlorenen Sohnes. Das im Text genannte Buch habe ich immer noch nicht ganz zu Ende gelesen...

 

 Manch einer, der hier so vorbei schaut, hat meinen Post über "Hiobs Zweifel" gelesen. Ich habe damals geschrieben, dass Hiob mir sympathisch ist, weil er Gott die Brocken hinwirft und verzweifelt, wie Gott sein Leid zulassen kann. Seine Freunde haben die üblichen Erklärungen: Du musst gesündigt haben, deswegen lässt Gott das alles zu. Wenn du genug glaubst, wird es wieder besser. Und überhaupt haben sie viele gute Tipps für Hiob. Aber das Beste, das sie für ihn tun können, ist, eine ganze Weile mit Hiob auszuharren und zu schweigen. Denn es gibt nichts zu sagen. 

Damals habe ich geschrieben, dass ich so mit Zweifelnden umgehen möchte. Sie aushalten. Für sie weiterglauben. An ihrer Seite bleiben.

Heute schaue ich auf eine ziemlich lange Zeit des Zweifels und Verzweifelns zurück. Ich kann sagen: es haben nur wenige neben mir ausgehalten und ausgeharrt. Manche haben mich vielleicht sogar gemieden, denn es könnte ja sein, dass meine Zweifel ansteckend sind. Unter Umständen hätte man da seinen eigenen Glauben auch hinterfragen müssen.Und natürlich gab es auch die Besserwisser.

Seit ungefähr drei oder vier Jahren kann ich sagen, dass wir hier eine Hiobsbotschaft nach der anderen bekommen. Sicher, alles nicht lebensbedrohlich. Manchmal sind es vielleicht nur "kleine" Dinge, wie z.B. zwei Meerschweinchen, die überraschend sterben. Oder die Nachricht des Förderstopps für KfW-Häuser, in einer Zeit, als wir gerade bauen wollen. Wenn dann noch ein Krieg mit steigenden Rohstoffpreisen und Inflation dazu kommt, fragt man sich: Wieso JETZT? Wo wir uns endlich durchgerungen haben, hier zu bauen.

Dann stirbt ein sehr naher Verwandter völlig unerwartet. 

Kurz darauf wird mein Mann gekündigt, 10 Monate nach dem Umzug.  

Das waren so ungefähr die Katastrophen der letzten drei Monate. 

Ich fühle mich wirklich wie Hiob. Ich frage mich, was denn nun noch alles passiert und wie tief wir fallen werden. Wobei wir ehrlicherweise nicht so tief fallen. Ich arbeite weiter als Ärztin, und ich habe auch keine Angst, dass es finanziell eng wird. Damit kann ich umgehen.

Trotzdem bin ich an einem Punkt, an dem ich manchmal schon gar nicht mehr erzähle, was bei uns so los ist, weil bei uns eben ständig solche richtig heftigen Dinge passieren, am laufenden Meter. 

Obwohl also die Fallhöhe in den letzten Monaten ganz schön zugenommen hat, sind meine Zweifel an Gott ein klein wenig kleiner geworden. Das liegt auch an einem Buch, das ich angefangen habe zu lesen, bin aber noch nicht ganz durch:

"Nimm sein Bild in dein Herz auf" von Henri Nouwen. 

Es ist eine geistliche Betrachtung eines Bildes von Rembrandt, dem Bild "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes". 

Wikipedia: Die Rückkehr des Sohnes 

Herr Nouwen berichtet, wie das Bild ihn verändert hat und welche Erkenntnisse er über mehrere Jahre zu diesem Bild gewonnen hat und wie sich sein Gottesbild und auch sein Selbstbild dadurch verändert hat. Tief bewegt hat mich das Kapitel zum älteren Sohn, der auf dem Bild zusieht, wie sein Vater den Jüngeren in Empfang nimmt. Im Bibeltext vom "Verlorenen Sohn" beschwert sich der Ältere: Er arbeite gehorsam seit langer Zeit auf dem Hof des Vaters, aber noch nie sei ein Mastkalb für ihn geschlachtet worden. In anderen Worten: "Ich war immer brav, und der bekommt die Party!"
Selten liest man von geistlichen Vorbildern, wie sie ihre Schwächen beschreiben. Eigentlich gibt es so etwas gar nicht in der modernen christlichen, vor allem freichristlichen Literatur. Es gibt tausend Bücher im Ratgeber-Stil "So wirst du ein besserer Christ". Aber selten habe ich gelesen, dass ein Autor seine Schwäche preisgibt.
Henri Nouwen beschreibt, wie er selbst eifersüchtig und neidisch auf andere war (und manchmal noch ist), die weniger für Gott getan haben und trotzdem angesehener waren und fröhlicher und einfacher glauben konnten. Er beschreibt, wie er sich von Gott zurück gesetzt fühlte, weil sein Leben nicht so glatt lief wie das anderer Menschen, die vielleicht sogar Gottes Gebote missachtet hatten. Und ich fühle mich so verstanden. Ich fühle genau so. Ich habe mich investiert in Gemeinde, habe versucht, mein Christsein nach bestem Wissen und Gewissen zu leben, habe an wichtigen Wegkreuzungen Gott nach Seiner Führung gefragt und meinte auch, an den wichtigsten Punkten Gottes Richtungsweisungen gefolgt zu sein. Trotzdem erfüllte sich sehr vieles nicht, erwies sich vieles als schwierig und unwegsam. Trotzdem sah ich mich zurückgesetzt und benachteiligt, sah ich meine Träume und Herzenswünsche vorbei ziehen und es schien mir so, dass sich die Zeitfenster und Möglichkeiten verschlossen, in denen ich meinem Leben noch irgendwie eine Richtung geben konnte, die ich, nur ich wollte und wo ich mich nicht den äußeren Zwängen beugen muss (Ehe, Kinder, Familie). Bei Männern heißt das Midlife Crisis und geht oft mit jungen Frauen und Motorrädern einher. Mir meinen eigenen egoistischen Weg suchen wäre also auch eine Möglichkeit für mich, also als "Älterer Sohn" mit Blick auf den Jüngeren, der einfach ein ausschweifendes und egoistisches Leben gelebt hat. Wenn er das kann, warum dann nicht ich? Wahrscheinlich ist die einfache Antwort: Weil ich zu viel Angst vor dem Vater habe: was würde mir passieren, wenn ich so handelte? Weil ich überhaupt zu feige bin, so ein egoistisches Leben zu führen.... Und das sagt in erster Linie etwas über mein Bild vom Vater aus, und über mein Bild von mir selbst.

Henri Nouwen schreibt von zwei Dingen, die den Älteren Söhnen und Töchtern helfen, nicht bitter zu werden und Gott näher zu kommen und mit ihrer Rolle fertig zu werden:

Dankbarkeit und Vertrauen.

Beides nicht meine starken Seiten, wer hätte das gedacht. 

Da habe ich jetzt also eine neue Aufgabe.

16 März 2022

Wir sind "aufs Land" gezogen. Was ist in Niedersachsen anders als in NRW?

 Wie ihr ja bereits wisst, sind wir umgezogen. Bis letzen Sommer haben wir am Rande einer mittelgroßen Stadt am Niederrhein gelebt. Was uns Erwachsene da etwas gestört hat: überall sind Menschen. Kaum kommt die Sonne raus, sind die Radwege entlang des Rheins voll mit E-Bikes, Rennradfahrern, Kinderanhänger und Otto-Normalos. Und auf den Straßen ist immer viel los. Und in den Supermärkten erst! Oder in der Innenstadt. Überall gibt es Schlangen. Z.B. Sonntag morgens vorm Quartiersbäcker. Außerdem gibt´s viel Industrie und schlechte Luft. Und Lichtverschmutzung. Kaum dass man mal ein paar Sterne am Nachthimmel entdeckt.

Also sind wir jetzt "aufs Land" gezogen. Nicht ganz freiwillig, der Job ist schuld. Für hiesige Verhältnisse wohnen wir dicht an der 30.000-Einwohner-Stadt dran, im nächsten Stadtteil quasi. 3,5km bis zum Stadtzentrum und zur Schule. Ich als Erwachsene bin sehr ernüchtert nach 7, 8 Monaten hier. Heute hatte ich wieder so ein Erlebnis, das mich beinahe hat verzweifeln lassen: ich brauche Passfotos. Da ich es arbeitsbedingt gestern und vorgestern nicht in die Stadt geschafft habe, bin ich heute rein geradelt. Und dann stand ich da kurz vor 17h vor dem Fotoladen, und der war zu. Mittwochs ist nur bis 13:30h geöffnet. Ich habe fast geweint! Morgen habe ich den Termin im Bürgerbüro für den Reisepass... Naja. Muss ich noch vorher hin, mich ablichten lassen.
Die Öffnungszeiten machen mir (jaja, ihr Niedersachsen, lacht nur) wirklich Probleme. Samstags sind hier in der Stadt nach 14h nur noch Cafés offen. Und das Einkaufszentrum mit H&M und C&A. Die ganzen netten, kleineren Läden sind dann zu. Und wir sind Spätaufsteher, samstags, und Langfrühstücker! 

Die Kinder finden es auch ein halbes Jahr später noch überwiegend nicht so super gut. Teilweise auch ganz schlecht. Sie vermissen ihre Freunde und ihre gewohnte Umgebung. Manches hat sich eingespielt, manches ist immer noch sehr schwer für die Kinder. Zum Beispiel der Karneval. 

Das war mir ja vorher gar nicht sooo klar! Ich bin selbst in Bayern groß geworden, da ist Karneval, oder wie es da heißt, Fasching, keine so große Sache. Wird gefeiert, ja, aber das ist nicht wie in Köln oder Düsseldorf. Oder wie da, wo wir früher gewohnt haben. Mir war irgendwie nicht bewusst, dass das für meine Kinder ein wichtiges Ritual im Jahreskreis war. Sich schminken, sich verkleiden, mit viel zu dünnen Kleidern und dicker Jacke drüber  in die Schule radeln (Weiberfastnacht!) und Polonaise durch die Schule machen, Chips und Schokoküsse essen, Fanta trinken, mit Karnevalsmucke beschallt werden und vor allem eins: mit den Freunden ausgelassen feiern und Quatsch machen. Oder frierend am "Zoch" stehen und Kamelle sammeln! Am Niederrhein wird auch in den höheren Schulklassen noch ausgelassen Karneval gefeiert. Organisieren dürfen das dann die Oberstufen-Schüler. Es gibt meist auch einen Kostümwettbewerb.
Hier in Südniedersachsen ist das ganz anders. Also in der Schule wird schon mal gar nicht gefeiert, zumindest nicht an der weiterführenden Schule. Rosenmontag und Veilchen-Dienstag sind ganz normale, bierernste Arbeits- und Schultage. Man sieht nur sehr vereinzelt Kinder mit Hüten auf dem Kopf. Richtige Verkleidungen: weit gefehlt. Dann fehlt also völlig diese Ausgelassenheit zum Ende der kalten, dunklen Winterzeit. Heute merke ich erst, was für ein toller Brauch das ist. So war es ja auch früher gedacht: es wurde das Ende der kalten, dunklen Jahreszeit eingeleitet, der Winter wurde "davongejagt". Alle drei Kinder haben den Karneval sehr vermisst. Das Ritual war eben doch viel wichtiger, als ich dachte! Für nächstes Jahr muss ich mir was anderes überlegen. Vielleicht kann ein Teil des Karnevals zu uns kommen?

Aber eigentlich wollte ich ja über Stadt und Land schreiben. 

Hier gibt es nicht so viele Menschen. Wenn man bei strahlend schönem Wetter loszieht, kann es sein, dass einem auf manchen Wegen lange niemand begegnet. Wenn wir aus dem Fenster schauen, sehen wir weit und breit Felder, über denen nicht selten ein Milan kreist. Abends haben wir schon öfter einen fabelhaften Sternenhimmel über uns schimmern und leuchten sehen. 

Aber. Ihr habt es geahnt, es gibt ein nicht ganz kleines Aber.

Der erste große Schock für mich war, als ich feststellte, dass es hier, in einer 30.000-Einwohner-Stadt mit einem Landkreis von 120.000 Menschen, keine städtische Musikschule gibt. Wir sind hier halt auf dem Land, da ist man froh, wenn man im Städtehaushalt nicht auch noch so eine unnötige Belastung finanzieren muss. Was das für Konsequenzen hat, kann man sich nun mal nicht vorstellen. Liebe Freunde aus NRW: seht zu, dass euch die Musikschule erhalten bleibt! Ich weiß, sie wurde auch schon mal in Frage gestellt. Kämpft dafür, ihr ahnt nicht, wie wertvoll es ist, sie zu haben!

Meine drei Kinder spielen verschiedene Instrumente (wär ja sonst auch zu einfach). Die Große spielt Klavier, verzichtet zur Zeit aber ob der  Komplikationen auf den Unterricht. Die Mittlere spielt Querflöte. Es gibt in einem kleinen Nachbardorf eine (sic!) Querflöten-Lehrerin.  Sie hat sich ihre eigene kleine "Musikschule" gebaut und einen wunderschönen Anbau an ihr Privathaus gesetzt. Ein großer Raum mit Flügel, Luftreinigungsgerät (ihr wisst schon: die Pandemie) und kleiner Toilette im Vorraum. Sie bietet hier auch musikalische Früherziehung für die Kleinen an. Aber: Es ist halt auf dem Dorf, und wer kein Auto hat, wird kaum in der Lage sein, seine Kinder hier zum Unterricht zu schicken.Von uns aus ist es zu weit für das Kind mit dem Rad zu fahren (10km). Abgesehen davon gibt es keine Familienrabatte, was für uns konkret bedeutet, dass der Unterricht für zwei Kinder mehr kostet als am Niederrhein für alle drei Kinder zusammen inklusive Leihinstrument. Jaja, ihr habt schon richtig gelesen, der Musikunterricht ist um die Hälfte teurer hier. Das ist überhaupt eine der wichtigsten Erkenntnisse aus den ersten Monaten: Kinder haben ist hier um ein Vielfaches teurer als in NRW. Dazu später mehr. (Sowohl die NRW-Leser als auch die Niedersachsen werden ihren Augen nicht trauen, wie groß die Unterschiede sind.)
Der Jüngste spielt Saxophon. Auch hier ist die Lehrerauswahl sehr rar. Es gibt Musiklehrer, die die Schulräume nutzen, eine an sich gute Idee. Nur schwierig, wenn die Chemie nicht stimmt. Der Lehrer, den wir nun gefunden haben, berichtet, dass er an verschiedenen Tagen quer durch den Landkreis fährt, um in verschiedenen Orten Unterricht zu geben... Wobei er unsere Stadt ausspart (wahrscheinlich ein Agreement der Musiklehrer untereinander). Was bedeutet, dass wir zu ihm fahren müssen - mind. 20min. ein Weg. .... Früher, in der alten Heimat.... war die Musikschule zentral in der Stadt. Das Querflöten- und das Klavier-Kind sind selbständig mit dem Rad zum Unterricht gefahren. Den Saxophonisten habe ich gefahren, das Saxophon ist halt doch recht groß und schwer. 5 Minuten Fahrtzeit, ein Weg... Wir wohnen hier ca. 3,5km vom Zentrum der Stadt entfernt in einem kleinen Dorf. Zuvor waren es ca. 2km ins Zentrum, also der Unterschied ist nicht so groß. Trotzdem haben sich die Fahrtwege mindestens verdreifacht, weil so vieles nicht direkt vor Ort ist. Das geht nur, wenn man Zeit, ein Auto und Geld hat. Hier "auf dem Land" sind Dinge, die früher selbstverständlich waren, viel umständlicher, teurer und seltener. Die Auswahl ist kleiner, weshalb sich Monopole viel leichter errichten lassen. 

Das aus meiner Sicht problematischste Monopol hier ist das Schulmonopol. Es gibt in dieser Stadt nur ein Gymnasium. - In der alten Heimat waren es zwei staatliche Gymnasien und ein kirchliches. Da gehe ich aber nicht näher drauf ein, weil die Schule für mich ... schwierig... ist. So viel Ärger und Schulstress wie hier hatte ich schon länger nicht mehr (wobei die Grundschulzeit nicht gerade rund lief - an der Weiterführenden war alles gut!).

Über eine Sache muss ich aber schreiben: über Schulbücher. 

In NRW gibt es die sogenannte #Lehrmittelfreiheit. Das bedeutet, jedes Kind erhält von der ersten Klasse bis zum Abitur oder wie lange es auch immer die Schule besucht, kostenlos für alle Fächer Schulbücher. Was man zusätzlich besorgen muss, sind zB. Workbooks oder Übungshefte. Oder Klassenlektüren.  

Hier in Niedersachsen ist das so: 

Jedes Kind muss für alle Fächer selbst die Bücher käuflich erwerben. Einen Teil der Bücher v.a. in den Kernfächern kann man gegen eine Leihgebühr (etwa 1/3 des Kaufpreises!) ausleihen. Ab der Kollegstufe muss man für alle Bücher aufkommen, es gibt dann keine Leihbücher mehr. Die Leihgebühr für zwei Kinder lag bei 88€ (aber nur, weil ich drei schulpflichtige Kinder habe. Sonst wären es 106€ Gebühr gewesen). Dazu kommt dann die Anschaffung der restlichen Bücher und Arbeitshefte. Hier habe ich grob überschlagen für alle drei Kinder mindestens 350€ ausgegeben. Das heißt: nur damit die Kinder Bücher haben, musste ich ungefähr 430€ in die Hand nehmen. Und das wird jetzt jedes Jahr so sein. Manchmal kann man vielleicht Bücher weitergeben. Die Bibel in der Luther-Übersetzung werden wir auch nicht jedes Jahr wieder anschaffen. Aber wehe, ein Schulbuch wird neu aufgelegt. Für das Kind in der Kollegstufe kommen noch spezielle Abi-Packages dazu, wir haben ausgerechnet, dass sich das in den zwei Jahren auf ca. 150€ belaufen wird (30€ je Abifach, hier sind es 5 Abifächer.) Fehlen noch Lektüren. Und Kopiergeld gibt es auch noch. Sehr freundlich der Klassenlehrer der 5. Klasse: er zahlt das Kopiergeld aus seiner Tasche (es sind für die ganze Klasse ca. 200€).

Fällt euch was auf?

Der Unterschied ist enorm. In NRW habe ich für die Arbeitshefte je Kind nicht mehr als 30-40€ ausgegeben. Höchstens. Kopiergeld 10-15€ oder so.

Aber in Niedersachsen werden Eltern von Anfang an daran gewöhnt, sehr viel Geld für die Bildung ihrer Kinder auszugeben. Kindergarten in der nahe gelegenen Universitätsstadt ist unfassbar teuer, sobald man eine bestimmte Einkommensgrenze überschritten hat. Hier in unserer Stadt geht es. Aber es gibt kein kostenfreies Kindergarten-Jahr in Niedersachsen, anders als in NRW, wo schon seit mindestens fünf Jahren das letzte KiGa-Jahr frei ist. 

Auf dem Land gibt es frei laufende Hühner und Stille und Sternenstaub. Aber die soziale Ungerechtigkeit ist hier noch viel größer als am Niederrhein, einfach weil es viele Angebote nicht oder nur sehr eingeschränkt gibt und der Zugang zu verschiedenen Bildungsangeboten deutlich erschwert ist. Auch Geschlechterunterschiede werden so zementiert. Denn wer soll sich darum kümmern, dass die Kinder ständig von hier nach dort kutschiert werden? Wenn man sich nicht gerade eine Nanny leisten kann, ist das meist die Teilzeit arbeitende Frau. (Aber mein Mann fährt auch! Querflöte ist erst kurz vor 19h.)
Andererseits gibt es, wenn man hier aufgewachsen ist, möglicherweise auch noch andere Strukturen, die wir noch nicht so kennengelernt haben. Privat organisierter Musikunterricht bei jemanden, den man kennt, der wen kennt. Oder Fahrgemeinschaften. Oder... ich weiß es nicht. Da gibt es ja vielleicht auch noch was zu entdecken.

Trotzdem: Wenn ihr aufs Land zieht, dann macht das in NRW. In die Eifel oder so. Niedersachsen ist da nicht so geeignet, zumindest nicht mit Kindern.