10 Mai 2026

Boromir und tiefere Ebenen

 Gedanken zu Tolkiens "Der Herr der Ringe"

 Seit vielen Jahren lese ich immer einmal wieder Tolkiens "Der Herr der Ringe". Ab und zu stoße ich dabei auf interessante Einsichten. Ich möchte euch an meinen aktuellen "Erkenntnissen" teilhaben lassen... Dieser Text ist glaube ich nicht verständlich, wenn man das Buch nicht gelesen hat. Sollte man aber! :-)

Zu Beginn des zweiten Bandes "Die zwei Türme" verteidigt Boromir die zwei Hobbits Pippin und Merry gegen Orks und stirbt dabei. Kurze Zeit darauf wird er von Aragorn, Legolas und Gimli von Pfeilen durchsetzt gefunden. Pippin umd Merry und auch Sam und Frodo sind verschwunden. Gimli, Legolas und Aragorn beratschlagen, was sie tun sollen: den Orks hinterher, um Merry und Pippin zu retten? Sam und Frodo suchen? Sind vielleicht alle vier von Orks gefangen genommen worden? 

Sie entscheiden sich für das, was heute oft nicht getan wird. Sie beschließen, erst Boromir zu bestatten. Trauer zu halten. Ihm einen würdigen Abschied zu gewähren. Sie singen ihm sogar ein Abschiedslied. In Tolkiens Erzählung ist das eine sehr wichtige Entscheidung, die alle möglichen Konsequenzen hat. Um ein paar zu nennen:

Gimli, Legolas und Aragorn bringen Boromir zu den Booten, sie wollen ihn auf dem Fluss bestatten, da alle anderen Optionen zu lange dauern. Dort entdecken sie, dass ein Boot fehlt und schließen später daraus, dass Sam und Frodo ans andere Ufer gepaddelt sind und der Ringträger außerhalb ihrer Reichweite ist. 

Die drei gehen erst viele Stunden später los, um Merry und Pippin zu retten. Das hat zum einen zur Folge, dass sie die Orks nicht einholen - sie wären sowieso zahlenmäßig überlegen gewesen und es hätte mindestens noch mehr schwer Verletzte auf ihrer Seite gegeben. Zum anderen treffen sie so die Rohirrhim, die Reiter von Rohan, welche die Orks vor ihnen erwischen und ermorden. Merry und Pippin werden nicht von ihren Freunden gerettet, sondern durch die Rohirrhim und eigenes Geschick und Glück. Die Hobbits treffen im Wald Fangorn auf den Ent Fangorn, der für den Fortgang der Geschichte eine wichtige Rolle spielt. 

 Man könnte sagen: nur die Entscheidung, Boromir erst einmal zu bestatten, hatte so viele gute Konsequenzen. Ich empfinde es so, dass dies eine tiefe Wahrheit in sich trägt, und das ist bei Tolkien sicherlich kein "Zufall". Er vermittelt etwas, das wir in der heutigen Zeit oft vergessen, oft nicht wahrhaben wollen und oft nicht glauben.

Unsere Handlungen haben langfristige Konsequenzen. Weises Handeln, das die inneren ethischen und moralischen Gesetzmäßigkeiten beachtet, führt langfristig, über Umwege, zu einem guten Ende. Wenn wir ethische und moralische Grundsätze nicht beachten, wenn wir an wichtigen "Marterln" oder Wegpunkten einfach "vorbeijoggen", sind das Abkürzungen, die oft noch mehr Unglück nach sich ziehen. Tolkien geht davon aus, dass (zumindest in der Welt des Herrn der Ringe) eine tiefere, innere Verwobenheit und eine der Welt zugrundeliegende "Innenebene", wie die "Seele der Welt", mitbestimmt, wie Handlungen und Taten sich entfalten und welche Wirkweise sie haben. 

Manchmal kann aber auch die unmoralische oder ethisch unbedachte oder "falsche" Handlung eines Einzelnen dazu führen, dass eine andere Person die richtige Entscheidung trifft  - so ist es mit Boromir, der versucht, Frodo zu überreden, mit ihm nach Minas Tirith zu kommen, um den Ring als Machtwerkzeug zu verwenden. Frodo ist sich im Klaren darüber, dass dies nicht funktioniert. Die Bedrängnis durch Boromir gibt ihm die Kraft, die Gefährten zu verlassen und (mit Sam) auf die andere Flussseite überzusetzen und seinen Weg nach Mordor zu suchen. Er weiß schon, dass es die richtige Entscheidung ist, aber er braucht einen Anlass, um den Mut zu finden, zu gehen.

Durch die ganze Geschichte zieht sich ein unsichtbarer Faden, nämlich, dass es noch andere, tiefere Mächte gibt, und dass moralische Entscheidungen die Geschichte in die richtige Richtung tragen. Dass die Ausrichtung von Entscheidungen an Werten wie Freundschaft, Mut, Hoffnung, Vertrauen, Gemeinschaft, Mitleid, Demut mehr bewirken als alles Böse aus Mordor und letztlich dazu beitragen, dass Sauron fällt. 

Ich bin noch mitten drin und muss nun weiterlesen. Vielleicht fühlt sich der eine oder andere inspiriert.